Babydecken, Nearshoring und der Schwarzwald

Letzte Woche war ich geschäftlich auf der Schwäbischen Alb unterwegs. Die hübschen Biobabydecken aus Merinowolle, die ich seit Kurzem in meinem Onlineshop anbiete, haben viele Käufer gefunden. Der Nachschub musste her!

Schwäbische Strickerei mit Tradition

Ich hätte die Decken schicken lassen können, doch mir ist der persönliche Kontakt zu den Lieferanten und Herstellern sehr wichtig. So baut man Vertrauen und gegenseitigen Respekt auf. Zumal der erste Kontakt mit dem Familienbetrieb, der diese Decken produziert, mehr als ein Zufall war und der zweite erfolgte nur telefonisch und per E-Mail.

Vor Ort empfing mich die Urlaubsvertretung des Inhabers der Strickerei – seine Mutter. Der Familienbetrieb wird nämlich bereits in der dritten Generation geführt. Darauf war meine Gesprächspartnerin, Frau Mauz, besonders stolz und dass die Nachfolge eigentlich auch schon geregelt ist. Das Enkelkind befindet sich gerade in der Ausbildung. Nachwuchs aus den eigenen Reihen ist besonders praktisch. Besonders wenn der Auszubildende mit dem Betrieb der Eltern aufgewachsen ist und kennt die Firma von innen. Diese betriebliche Ausbildung stelle ich mir ziemlich aufwendig vor, denn die kleine Strickerei verfügt über 30 moderne, elektronisch gesteuerte Flachstrickmaschinen.

Das persönliche Gespräch mit Frau Mauz war sehr herzlich und bereichernd für mich. Mich begeisterte vor allem ihre positive Ausstrahlung. Denn dem Druck der Globalisierung als kleiner regionaler Betrieb standzuhalten, ist nicht einfach. 

Ihr Stolz auf die regionalen Betriebe auf der Schwäbischen Alb ist enorm. Ja, nicht alle Betriebe haben ihre Produktion nach Asien verlagert! Frau Mauz plauderte gerne über die Probleme, an qualifiziertes Personal zu kommen, die die älbler Firmen aktuell haben. Und über die Bedeutung von Qualität. 

Und nein, es heißt nicht automatisch, dass regionale Produkte bessere Qualität haben und alles, was aus Asien kommt, schlecht ist. Doch durch den Preis- und Zeitdruck, schlechte Arbeitsbedingungen sowie nicht existenzsichernde Löhne in den asiatischen oder auch europäischen Fabriken lässt die Qualität oft zu wünschen. 

Regionale Mini-Shoppingtour 

Nachdem die Babydecken ins Auto geladen wurden, ging es weiter Richtung Schwarzwald. Denn ich verbinde gerne die Fahrten auf die Schwäbische Alb mit kleinen Ausflügen. Zumal wir in den letzten Monaten das 9-Euroticket fleißig nutzten. 

Doch davor gab es noch eine kurze Shoppingtour im Ort. Besonders erfreulich ist es, dass immer mehr Produkte aus Biobaumwolle in den lokalen Textilbetrieben hergestellt werden.

Regionale Produkte haben für mich hohe Priorität. Doch anders als die meistens Verbraucher, die unter regionalen Produkten lediglich die landwirtschaftlichen Erzeugnisse verstehen, versuche ich die regionalen Textilbetriebe zu unterstützen. Albra, von der Schwäbischen Alb sind die Stoffe, aus denen die gestreiften Bio-Kinderpullover genäht sind.

Näheri:innen gesucht

Der Besuch auf der Alb endete mit einer kleinen Überraschung. Ein Schild am Ende einer Ortschaft lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich: Näher:innen gesucht! Ob tatsächlich gegengert wurde, kann ich mich nicht mehr erinnern. Doch das war auch nicht der Grund, warum diese Stellenanzeige mir ins Auge gesprungen ist. 

Kommt die Bekleidungsproduktion nach Hause?

Die deutschen Textilbetriebe haben sich auf technische oder medizinische Textilien spezialisiert. Rund ein Drittel der Umsätze erwirtschaftet die Branche im Bereich Mode und Bekleidung [textil+mode]. Die Produktion findet dennoch überwiegend im Ausland statt. Bekleidung in Deutschland produzieren aktuell nur wenige Firmen. Einige von ihnen haben jedoch die komplette Produktion unter einem Dach – vom fertigen Garn oder Stoff an, über die Strickerei, Näherei, Verpackung und Versand. Es handelt sich um Firmen, die in der ,nachhaltigen Szene’ bekannt sind. 

Nearshoring und der große Bogen um Deutschland 

Obwohl China gefolgt durch Bangladesch die größten Produzenten der Bekleidung sind, gibt es seit einigen Jahren einen neuen Trend. Das sogenannte Nearshoring ist die Rückverlagerung der Produktion von Mode und Bekleidung in die Länder in unmittelbarer Nähe der Absatzmärkte. Türkei, Marokko, Äthiopien, viele osteuropäische Länder, Spanien, Portugal oder Italien sind die Länder, in denen bereits seit einigen Jahren Bekleidung im großen Stil hergestellt werden. Für den amerikanischen Markt produzieren Länder wie Mexiko, Guatemala oder Honduras.

Teure Lieferkosten, aber auch steigende Löhne in China haben dazu geführt, dass die globalen Marken bereits vor der Coronakrise in der Nähe ihrer Absatzmärkte produzieren ließen. Die durch die Coronakrise verursachten Unterbrechungen in den Lieferketten führten dazu, dass die Textilfabriken in Europa oder Nordafrika noch attraktiver geworden sind. 

Noch machen die Moderiesen einen ziemlich großen Bogen um Deutschland. Denn hier sind die Arbeitskosten nicht attraktiv oder niedrig genug. Doch die Digitalisierung bietet der Textilindustrie, insbesondere den Fast Fashion Labels neue Chancen. So können sie Personal sparsam einsetzen. Vollautomatische Produktionslinien würden die Flexibilität enorm steigern und die Reaktionszeiten auf neue Modetrends verkürzen. Immer mehr, immer schneller….

Und die Menschen und die Umwelt bleiben wieder auf der Strecke.

Wie geht es weiter?

Ah ja! Beinahe hätte ich vergessen, dass ich über unseren Ausflug im Anschluss erzählen wollte. An dem Schild oder der Stellenanzeige vorbeiging dann unsere Reise weiter zum Schluchsee und nach St. Blasien im Schwarzwald. 

In St. Blasien haben wir gleich zwei weitere Überraschungen erlebt. Der Kurort St. Blasien beherbergt nämlich eine architektonische Perle – eine imposante Domkirche, nach Petersdom in Rom und der St. Paul’s Cathedral in London, die drittgrößte Kuppelkirche Europas.

Die zweite Überraschung war der starke Regen. Gut, dass wir uns nach so langer Trockenheit und Hitze erinnern konnte, dass das Wasser, das vom Himmel kam, eben Regen heißt. So verbrachten wir gezwungenermaßen die meiste Zeit in der aus weißem Marmor bestehenden klassizistischen Kirche. Beeindruckend! 

Nun haben wir einen Grund St. Blasien wieder zu besuchen, um den ganzen Gebäudekomplex der ehemaligen Benediktinerabtei und den schnuckeligen Ort genauer zu erkunden. Eine Wanderung schließen wir ein.

Wie es mit der deutschen Bekleidungsindustrie nun weiter geht, ist ungewiss und hängt von vielen Faktoren ab. Auf jeden Fall hat der Standort Deutschland eine neue Chance verdient. Die Intention hinter dem Onshoring, der Herstellung näher an den Verbrauchern, sollte jedoch ressourcenschonende Wirtschaft sein.

Die Digitalisierung ist eine große Chance für die Textilindustrie. Sie soll dennoch nicht dafür missbraucht werden, Menschen durch Technologien zu ersetzen, damit die Mode und Bekleidung in immer kürzeren Zyklen die Kunden erreichen.  

 Deine Alicja von kapelusch

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