Der sagenhafte Aufstieg von synthetischen Fasern

Polyesterstoffe

Ab dem 1. Januar 2022 sind Plastiktüten im Einzelhandel ein Tabu. Auch andere Einwegprodukte aus Kunststoffen wie Strohhalme, Besteck und Styroporverpackungen für Speisen gehören nun der Vergangenheit an. Während diese Produkte als Ökosünden gelten, enthalten 60-75 Prozent unserer Kleidung erdöl- und erdgasbasierte Fasern. Tendenz steigend. Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen? Wie ist es dazu gekommen, dass Textilien aus synthetischen Fasern heute teilweise als nachhaltig gelten?

Synthetische Fasern – für und wider

Die Verwendung von Kunstfasern in der Textilbranche hat oft ihre Berechtigung. Eine Baumwollsocke ohne Elasthananteil kann ich mir auch schlecht vorstellen. Sie hält die Form nicht, leiert aus, im Schuh getragen, bilden sich Falten und verursachen Blasen. Eine eng anliegende Leggingshose oder Jeanshose ohne Elasthan sind kaum denkbar. Eine dehnbare Kinderhose oder Sweatshirt sind vor allem sehr bequem. Elasthan sorgt somit für den maximalen Tragekomfort.

Kleidung aus synthetischen Fasern ist leicht, knittert meistens nicht, trocknet oft schneller und ist somit pflegeleicht. Sie ist auch lange haltbar. Achtung! Wie bei allen Textilprodukten kommt es auf die Herstellungsart an. Je günstiger die Produktion, umso kürzer die Lebensdauer.

Synthetische Fasern haben vor allem eins gemeinsam: Sie sind nicht biologisch abbaubar. Dies belastet die Umwelt sehr. Bei jedem Waschgang setzen sie problematischen Mikroplastik frei. Vor allem die beliebten Fleecejacken oder -Decken aus Polyester verlieren durch ihre geringe Faserdichte auch im trockenen Zustand viele Plastikteilchen. Und je älter die synthetischen Textilien sind, umso mehr Kunststoff gelangt in die Abwässer oder direkt in die Atemwege. Je geringer die Qualität, umso leichter kann das freigesetzte Mikroplastik eingeatmet werden.

Textilien aus Kunststofffasern neigen zu elektrostatischer Aufladung. Die Kleidung klebt an den Haaren und der Haut. Manchmal tut es sogar richtig weh, wenn sich ein Acrylpullover entlädt. Eine antistatische Ausrüstung wird deshalb oft praktiziert. Dafür verwenden die Hersteller Weichmacher, die Allergien auslösen können und in den Kläranlagen nicht abgebaut werden können.

Kleidung aus Plastik lässt sich auch schwer reparieren. Eine Softshell-Outdoorjacke zu stopfen ist eine Herausforderung bis kaum möglich oder nicht rentabel. Eine robuste Wollwalkjacke oder Strickpullover aus Schurwolle lassen sich dagegen viel einfacher reparieren.

Polyesterdecken sind sehr beliebt und vor allem günstig. Warm halten können sie jedoch schlecht. Vor allem nicht im Winter. Mit einer atmungsaktiven Merinofleecedecke können sie nicht konkurrieren. Babys oder Kinder, die mit Polyesterdecken zugedeckt werden, tun mir besonders leid. Nicht zuletzt wegen Mikroplastik.

weltweite Produktion von Fasern allerart in Zahlen

Polyester Superstar

Synthetische Fasern wie Polyester, Acryl, Polyamid, Nylon oder Elasthan sind die Superstars der Textilindustrie. Die obere Grafik zeigt die weltweite Entwicklung der Produktion von Fasern in den Jahren von 1975 bis 2020 (Quelle: Textile Exchange).  Sie enthält sogar eine Prognose. Der Gewinner ist eindeutig.

Vielleicht ist diese sagenhafte Karriere nur möglich gewesen, weil die Preise für das Ausgangsmaterial günstig sind. Dies ist lediglich eine Annahme von mir. Doch die globalisierte Wirtschaft funktioniert nach dem Prinzip des ständigen Wachstums, der Gewinnmaximierung und der Kostenreduzierung. Es wäre ebenfalls interessant, wie sich die Preise für synthetische Fasern in gleichen Zeitraum entwickelt haben. Doch ich habe vergeblich nach einer historischen Preisentwicklung recherchiert.

Achtung: Aus aktuellen pandemie-bedingten und politischen Anlässen steigen jedoch alle Rohstoffpreise!

Laut Greenpeace haben die synthetischen Fasern den Aufstieg von Fast-Fashion-Ketten überhaupt erst möglich gemacht. Doch Polyester und seine ,Verwandte’ setzen vermehrt auch hochpreisige Premium-Marken ein. Für die Freizeit- und Sportbekleidungsindustrie scheinen diese Fasern unabdingbar zu sein.

Petrochemie vs. Weidelandschaft

Der Schlagabtausch: Chemiefaser vs. Naturfaser

Die Industrievereinigung Chemiefaser e. V. gibt auf seiner Homepage an:
,Der Bedarf an Fasern durch den Anbau von Naturfasern ist nicht abzudecken. Die Ursache ist die wachsende Bevölkerungszahl und der steigende Wohlstand in den Schwellenländern. Ein ausschließlicher Anbau von Naturfasern wäre ökologisch nicht tragbar. Würde man den gesamten Weltfaserbedarf mit Baumwolle abdecken, müsste man den Ertrag auf das Dreifache steigern. Was wiederum nur durch veränderte klimatische Bedingungen und einen hohen Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden möglich wäre.‘

Es klingt erstmal plausibel, wenn die Presse nicht immer wieder von unverkaufter Kleidung berichten würde, die sich auf Mülldeponien türmt oder verbrannt wird. Wie beispielsweise die neueste Berichterstattung über die Kleiderberge in der Atacama-Wüste in Chile. Zur Erinnerung: 60-75 % der Textilien bestehen aus synthetischen Fasern.

Atacama-Wüste: Müllhalde für Fast Fashion

Weidelandschaft mit Schafen

Der Flächenbedarf der synthetischen Fasern ist auch nicht so hoch wie bei der Produktion von Wolle. Der Anblick einer Weidelandschaft mit vielen Schafen ist mit Sicherheit angenehmer als Erdölbeförderungsanlagen, Bohrinseln und sonstige petrochemische Industrieanlagen (Ironie aus).

,Für die weltweite Produktion von synthetischen Chemiefasern werden weniger als 1 % des geförderten Erdöls benötigt’, so die Industrievereinigung. Doch für die Herstellung von Stoffen generell, ob aus Erdöl und Gas oder Naturfasern, wird enorm viel Strom benötigt. Der Strom wird jedoch meistens aus fossilen Rohstoffen gewonnen. Ich nehme an, dass der Strom für die Herstellung der synthetischen Stoffe hier nicht berücksichtigt wurde. Der Anteil der erneuerbaren Energien am weltweiten Energieverbrauch lag 2019 bei 13,8 % (Quelle: de.statista.com).

Die länderspezifische Differenzierung im Bezug auf den Energieverbrauch ist bei der Produktion von Textilien erheblich. Für den Schweizer Strommix betragen die Emissionen 0,11 kg COje kWh. Wird der indische Strommix verwendet, steigen die Emissionen auf 1,4 kg CO2 je kWh. Für die erneuerbaren Energiequellen können diese Werte drastisch sinken. Die Produktion von synthetischen Stoffen und Textilien findet zurzeit überwiegend in Asien statt.

Mehr zum Thema: CO2-Fussabdruck von kapelusch-Kinderkleidung

Das Petrochemieunternehmen Reliance Industries behauptet der größte Hersteller von Polyesterfasern und -garne zu sein. Sein Vorstandsvorsitzende Mukesh Ambani steht 2021 mit einem Vermögen von 84,5 Milliarden Dollar auf Platz 10 in der The World’s Billionaires-Liste des Forbes Magazine.

Während wir uns Gedanken um die Reduzierung von Plastikmüll machen, setzen Konzerne Milliarden mit sogenannten virgin oder pre-consumer Polyester um. Die einzige Antwort der Textilindustrie auf die Plastikvermüllung lautet Kleidung aus recycelten PET-Flaschen. Kleidung aus PET-Flaschen ist jedoch Kleidung aus Polyester mit allen negativen Eigenschaften.

Deine Alicja von kapelusch

Sonstige Quellen:
DITF
Greenpeace
Textile Exchange

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