Wie wird die Nachhaltigkeit in der Mode gemessen?

Nachhaltigkeit der Textilien - wie wird sie gemessen?

Die Nachhaltigkeit spielt eine immer wichtigere Rolle. Nach der EU-Taxonomieverordnung sollen die Berater die Anleger dazu animieren, in nachhaltige Unternehmen zu investieren. Doch wie lässt sich die Nachhaltigkeit messen, überprüfen und kontrollieren? Den Modegiganten steht ein Instrument zur Messung der Nachhaltigkeit zur Verfügung – der Higg Index. Doch dieses System wird scharf kritisiert. Warum eigentlich?

Nachhaltigkeit in aller Munde

Unser Konsum im Allgemeinen hat einen negativen Einfluss auf die Umwelt. Das ist Fakt. Einen nicht unerheblichen Beitrag zum Klimawandel leistet die Bekleidungs- und Textilindustrie. Deshalb ist es für die Verbraucher wichtig zu erfahren, wie nachhaltig die Produkte sind, die sie kaufen möchten und wie sich diese auf die Umwelt auswirken. So könnten Kaufentscheidungen leichter und mit gutem Gewissen getroffen werden. Zugunsten der Umwelt, der künftigen Generationen und der Menschen, die sie herstellen. 

Auch die Europäische Union und die Gesetzgeber im Bundesstaat New York beschäftigen sich mit den negativen Auswirkungen der Modebranche auf die Umwelt. Der neue Gesetzentwurf aus dem Übersee, als New York Fashion Act bekannt sowie die EU-Strategie für nachhaltige und kreislauffähige Textilien sehen vor, sowohl die Luxusmarken als auch die Fast Fashion Industrie zu regulieren und ihre Umweltauswirkungen zu minimieren sowie Greenwashing aufzudecken.

Nachhaltigkeit in der Mode - der High Index

Der Higg Index

Die Branche selbst setzt sich bereits seit mehreren Jahren mit den negativen Folgen ihrer Produkte auf die Umwelt auseinander. Den Trend zu umweltbewussterem Verhalten bei den Konsumenten haben die Marken für sich entdeckt. Die Sustainable Apparel Coalition (SAC) entwickelte 2011 einen Nachhaltigskeitindex, den Higg Index bestehend aus 5 Modulen. Der Higg Index ermöglicht den Marken, die ökologischen und die sozialen Brennpunkte in ihren Lieferketten zu identifizieren.

Die SAC ist ein Zusammenschluss von über 250 Marken, Handelsunternehmen sowie Produktionsbetrieben und wird von ihren Mitgliedern, darunter H&M, C&A, Inditex, Patagonia, Kering und Zalando finanziert.

Alle Mitglieder können die Ergebnisse, die sie aus dem Higg Index ableiten, in ihren Marketingstrategien verwenden. Vor allem können die Marken beim Design ihrer Produkte den Index anwenden. Hier spielt das Modul Higg MSI eine Rolle. Es bestimmt die Umweltauswirkungen der einzelnen Fasern.

Die Methoden  

Die Lieferketten der Textilbranche sind sehr komplex. Bis zu 144 Akteure können an der Entstehung eines einfachen weißen Hemdes beteiligt sein. Dementsprechend komplex und kompliziert ist die Erstellung der Nachhaltigkeitsindizes in der Modeindustrie. Die Urheber des Higg Indexes, des am meisten benutzten in der Branche, verwenden Ökobilanzen für Ihre Berechnungen und Daten, die von kommerziellen Anbietern gesammelt werden.

Ökobilanzen

Ökobilanzen sind Methoden, die die Auswirkungen aller Wirtschaftsakteure inklusive Konsumenten auf die Umwelt messen, analysieren und auswerten. Eine davon sind Ökobilanzen für Produkte, auch als LCA (Life Cycle Assesment) bekannt. Sie betrachten den gesamten Lebensweg eines Produktes – von der Wiege bis zur Bahre. Von der Herstellung über die Nutzung bis zur Entsorgung des Produktes. In jeder Lebensphase werden die Stoff- und Energieströme analysiert. In die Berechnungen der Ökobilanzen fließen die Rohstoffgewinnung, die Herstellung der Vorprodukte, teilweise sogar der Hilfs- und Betriebsstoffe, die Energieerzeugung sowie alle Transporte in die Berechnung mit ein. 

Im Gegensatz zu CO2- und Wasserfußabdruck messen die Ökobilanzen die Gesamtauswirkungen der Produkte. 

In den 1960-er Jahren für interne Entscheidungen entstanden, wurden die Ökobilanzen seit 1990-er Jahre an den Universitäten weiter entwickelt. Die Ökobilanzen sind in den ISO-Standards international festgelegt.

Nachhaltigkeit in der Mode - Baumwollröcke für Kinder

Higg MSI 2020 – die Ergebnisse

2020 hat die Koalition (SAC) eine neue Version des Higg Materials Sustainability Index (Higg MSI) veröffentlicht. Zur Erinnerung: Higg MSI ist das Modul, dass die Umweltauswirkungen der Materialien in der Bekleidungs-, Schuh- und Textilindustrie bewertet. Daraus ergibt sich folgendes Ergebnis, vereinfacht dargestellt: bezogen auf die Umweltauswirkungen sind die Chemiefasern wie Polyester, Polyamid, Acryl oder Viskose nachhaltiger als Naturfasern wie Baumwolle, Wolle, Seide oder Leinen.

Darum gibt es Kritik

Die Kritiker werfen den Anbietern von Higg MSI und anderer Indizes sowie Ersteller von Lebenszyklusanalysen die Kommerzialisierung vor. Die Daten befinden sich in nicht öffentlichen Datenbanken hinter einer Bezahlschranke. Diese mangelnde Transparenz im Bezug auf Methoden, mit denen die Daten gesammelt und ausgewertet werden, ist fatal. Eine Überprüfung durch unabhängige Gutachter erfolgt nicht. Die Normungsgremien vernachlässigen die Aufsicht und der Gesetzgeber verlässt sich auf die Nachhaltigkeitsaussagen privater Anbieter.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Ökobilanzen teilweise auf Basis von veralteten Daten erstellt werden. Sie berufen sich auf Ereignisse und Studien, die längst der Vergangenheit angehören. Oder keine globale Bedeutung haben.

Viele Datenbanken sammeln Daten in europäischen Fabriken. Dies verfälscht wiederum die Ergebnisse. Denn die meisten Textilien entstehen heute in Fabriken in asiatischen Ländern, wo die Umweltvorschriften nicht so streng sind. Dies verfälscht die Ergebnisse.

Erfahre mehr über die Kunstfasern: Der sagenhafte Aufstieg von Polyester.

Nachhaltigkeit der Textilien - Mädchen in einem Leinenkleid

Von der Wiege bis zum Tor

Der Higg MSi bewertet die Umweltauswirkungen der Faser lediglich bis zum Werkstor. Die Umweltauswirkungen vor und während der Nutzungsphase sowie am Ende des Lebenszyklus bewertet der Index nicht. Somit wird die Mikroplastikproblematik ausgeblendet, die die Textilien aus Kunstfasern begleitet. Von bereits vergessenen Umweltkatastrophen, die durch Unfälle von Bohrplattformen oder Öltanker verursacht, ganz zu schweigen.

Da die Chemiefasern, die aus fossilen Rohstoffen oder gewonnen werden, in der Bekleidungsbranche dominieren, ist das Problem sehr groß. Es handelt sich schließlich um ca. 70 % Textilien aus Kunstfasern, Tendenz steigend. 

Das Recycling von Kunstfasern ist sehr aufwendig und sehr stromintensiv. Im schnellsten Fall verenden diese Textilien auf Deponien in Entwicklungsländern und verschmutzen dort die Umwelt.

Greenwashing – die große Gefahr

Die Kritiker von kommerziellen Lebenszyklusanalysen (LCA) und Indizes zeigen lediglich die Schwachstellen im System. Sie fordern mehr Transparenz sowie die Einbindung von Wissenschaftlern aus den Gebieten Umweltschutz, Klimaforschung und Landwirtschaft. Denn ansonsten ist die Gefahr des Greenwashings sehr groß.

Die falschen Versprechungen sorgen bei Bürgern für Verwirrung und verunsichern sie unnötig.

Am Ende wird nicht die Umwelt, sondern die Petrochemieindustrie von falschen Nachhaltigkeitsversprechen noch stärker profitieren. Dies würde sich wie Beschleuniger auf die Klimaerwärmung auswirken.

Wichtig: Nachhaltigkeit ist nicht mit Umweltauswirkungen zu verwechseln. 

Deine Alicja von kapelusch

Quellen:
Veronica Kassatly Bates und Dorothée Baumann-Pauly Whitepaper
Product Environmental Footprint (PEF) der EU 
Bericht: ecoage
Baumwollbörse: Make Label Count
Tagesspiegel: Wie nachhaltig ist Zalando?

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